Ostfriesisches Brauchtum

Seit jeher haben sich, meist regional untereinander abgegrenzt, viele schöne Bräuche entwickelt, von denen sich ein Großteil bis in die heutige Zeit erhalten hat. Erstaunlicherweise hat die Jugend einen großen Anteil an der Weiterführung der Bräuche und ist mit großem Eifer bei der Brauchtumspflege aktiv dabei. Unterschieden werden muss hier zuerst einmal in "Bräuche im Jahresverlauf" und "Bräuche im Lebenslauf". Erstere sind kalendarisch einzuordnen, Letztere haben ihren Platz durch persönliche Vorfälle im Lebenslauf eines Menschen. Wir wollen Euch hier einige der Bräuche vorstellen.

 

Verschiedene Inhalte bzw. Textpassagen sind in Anlehnung an die Broschüre "Moden un Maneren", herausgegeben von der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, verfasst worden. Herzlichen Dank dafür!


Osterbräuche in Ostfriesland

Wenn in Ostfriesland Eier über Weiden und Wiesen fliegen oder von Inseldünen und Eierbergen kullern, dann ist hierzulande Osterzeit. Bräuche und Traditionen haben auf der Ostfriesischen Halbinsel auch im 21. Jahrhundert ihren festen Platz. Paasken, wie Ostern auf Plattdeutsch traditionell genannt wird, gehört dazu, leitet sich vom jüdischen Passah-Fest ab und bildet dabei einen Höhepunkt im Jahreslauf.

(Osterimpressionen aus Ostfriesland, Fotos: Marvin Friedrichs, 2014 © Ostfriesische Landschaft)


Paaskefüür – Osterfeuer am Ostersonnabend

Mit dem Ende der Karwoche beginnt an Ostersonnabend das langersehnte Osterfeuer. Schon Wochen vorher haben Jung und Alt Sträucher von Hecken und Bäumen gesammelt und es auf freien Flächen zu hohen Haufen gestapelt. Mit Einbruch der Dunkelheit wird das Feuer entzündet, sodass es weit über die Landschaft seinen Schein wirft. Es dient vor allem dem gemeinschaftlichen Miteinander und ist willkommener Anlass, das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings zu feiern. Übrigens, Hans-Jürgen Rak vom Umweltministerium in Hannover erklärte auf Nachfrage der Ostfriesischen Landschaft, dass Traditionsveranstaltungen wie Osterfeuer nach wie vor als Brauchtum erlaubt sind, sofern sie als öffentliche Veranstaltung durchgeführt werden. Die Bestimmung als Brauchtumsfeuer sei insofern von dem Zweck der Handlung, nämlich der Pflege des Brauchtums, abhängig. Dass dabei kein Abfall ver- brannt werden darf, versteht sich für umweltbewusste Osterfeuerfreunde ebenso von selbst wie das vorherige Umschichten des Strauchwerks.


Hicken-Bicken-Sönndag

Deutschlandweit wird den Kindern erzählt, der Osterhase habe Eier bunt gefärbt und im Garten versteckt. Jungen und Mädchen machen sich frühmorgens auf die Suche, und groß ist dann ihre Freude über jedes gefundene Ei. In Ostfriesland endet der Brauch aber nicht mit dem Eiersuchen, sondern die hart- gekochten Bunten eignen sich für vielerlei „Wettkämpfe“ rund ums Ei. Sie werden am Ostersonntag beim Hicken-Bicken mit den Spitzen gegeneinander gestoßen. Gewonnen hat der/die, dessen/deren Eier unversehrt bleiben.

(Hicken-Bicken in Ostfriesland, Fotos: Marvin Friedrichs, 2014 © Ostfriesische Landschaft)


Eiertrüllen und Eiersmieten

Bis heute findet ebenfalls das Eiertrüllen und Eiersmieten an den Osterfeiertagen statt. Beim Eiertrüllen werden die Eier von Kindern und Erwachsenen von Deichen, Dünen oder „Bergen“ gerollt. Dabei wird meist eine „Lünskebahn“, eine Rollbahn, in den Sand gezogen, um in dieser Laufrille die Eier einen kleinen Hügel hinab rollen zu lassen. Das Ziel dabei ist, die Eier möglichst weit und unversehrt ins „Tal“ zu bringen. Beliebter Ort für diesen Brauch ist der Plytenberg in Leer. In Aurich bevorzugt man die Eierberge im Wald bei Wallinghausen, in Schortens befindet sich der Eierberg im Klosterpark Oest- ringfelde. Überwiegend Jugendliche sind es, die ihrer Freude am Eiersmieten auf einer Weide oder Wiese nachgehen. Möglichst weit schleudern sie ihre gefärbten Prachtexemplare – in der Hoffnung, dass sie beim ersten Aufschlagen nicht zerplatzen und sie das Eidotter – zwecks Verzehrs an Ort und Stelle – zusammensuchen müssen.

(links, Mitte links: Eiertrüllen bei den Eierbergen in Aurich Wallinghausen, Fotos: Marvin Friedrichs, 2014 © Ostfriesische Landschaft, Mitte rechts: Eiersmieten vor dem Auricher Schloss, Foto: Marvin Friedrichs, 2014 © Ostfriesische Landschaft, ganz rechts: Eiersmieten bei den Auricher Eierbergen, Foto: Sarah Uphoff , 2014 © Ostfriesische Landschaft)


Puppvisiet un Kinnertöön mit Bohntjesopp

Wie schon seit Urzeiten geschehen, laufen auch in der heutigen Zeit noch einige Wochen vor der Geburt eines Kindes ganz besondere Vorbereitungen an. In einem Steinguttopf (Püllpott genannt) wird nach altem Rezept die Bohntjesopp angesetzt. Dazu werden Rosinen und Kluntjes in Branntwein ein- gelegt, genauer gesagt nimmt man dazu den "Oostfreeske Brannwien". Gebrannt wird diese ostfriesische Spezialität aus Korn und Kartoffeln bzw. Rüben und wird dann mit Aroma und Coleur verfeinert. Nach einigen Wochen haben sich dann die Rosinen mit dem Branntwein dick und rund vollgesogen.

 

Ist das Kind geboren, wird in manchen Gegenden entweder bei einem Rundgang den Nachbarinnen und Nachbarn der/die neue Erdenbürger/in "angesagt", wobei diese dann gleich zur Taufe eingeladen werden. Oder es ziehen Kinder durch den Ort und berichten allen Leuten von der Geburt des Kindes. Dafür erhalten sie dann meistens eine kleine Geldzuwendung.

 

Nach der Taufe findet dann die Feier statt, auf der dann die zuvor angesetzte Bohntjesopp (kurz "de Sopp" genannt) an die Gäste ausgeschenkt wird. Mit dem markigen Spruch: "Nu will wi dat Kind even pissen laten" erheben alle Anwesenden ihr Glas und lassen das Kind hochleben. Leute, die mit der Kinds-mutter nicht so gut bekannt sind und mithin also nicht zur Taufe eingeladen wurden, kommen tagsüber zur Puppvisiet oder zum Kinnertöön vorbei und bekommen neben der Ansicht des Kindes natürlich auch Bohntjesopp angeboten.


Neeijahrskoken backen

In Ostfriesland werden jedes Jahr in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr in vielen Haushalten die immer noch heißgeliebten Neeijahrskoken (auch Rullerkes genannt) gebacken. Beim Neujahrslaufen...dem "Nabers ofloopen" werden die im Volksmund Beck vull Schandaal genannten Hörnchen neben dem Eigenverzehr auch den Gästen angeboten, die dann auch sehr gerne und ausgiebig zugreifen.

 

Früher wurden die Neeijahrskoken, deren Teig unter Beimischung von Anis und Kardamom sowie in heißem Wasser aufgelöstem Kandis hergestellt wird, mit einem zangenförmigen Kucheneisen über dem offenen Feuer gebacken. Die Erfindung der Elektrizität führte zur Umstellung auf elektrische Waffel- eisen, die in Ostfriesland auch als dat olle Isder bezeichnet werden. Sofort nach der Entnahme aus dem Waffeleisen muss das noch heiße Gebäck gerollt werden, bevor es kalt und damit hart wird.


30 Jahre ... und immer noch ledig

Selbst in der heutigen Zeit werden in Ostfriesland junge Leute (Männer wie Frauen) noch "bestraft", wenn sie an ihrem 30. Geburtstag noch nicht verheiratet sind. Bei den Männern ist die Strafe dergestalt, dass sie vor vielen Schaulustigen, meistens in lustiger Verkleidung, öffentliche Treppen fegen müssen. Für diese Reinigung wird die Treppe von Freunden und Bekannten vorher bestens vorbereitet, indem säckeweise Kronkorken, Flaschenverschlüsse und andere Kleinteile auf die Treppe gekippt werden. Während des Fegens wird natürlich immer oben auf der Treppe "Nachschubmaterial" ausgeschüttet. Das Fegen endet erst, wenn das Geburtstagskind durch eine Jungfrau "freigeküsst" wird.

 

Frauen hingegen büßen für ihre Ehelosigkeit dadurch, dass sie vor allen Leuten die Klinke(n) der Eingangstüre eines öffentlichen Gebäudes putzen müssen. Die Klinke(n) werden selbstverständlich mit Schuhcremes und ähnlichem "vorbehandelt", damit sich das Putzen auch wirklich lohnt. Auch hier wird zur Freude der Zuschauerinnen und Zuschauer der "Schutzanstrich" gerne immer wieder erneuert, damit sich die Arbeit auch noch etwas hinzieht. Das Klinkenputzen wird erst durch den Einsatz eines jungen Mannes beendet, indem er die Frau durch "freiküssen" von ihrer Aufgabe endbindet.


Viele Informationen findet Ihr auch hier:

 

Ostfriesische Landschaft

- Körperschaft des öffentlichen Rechts -

Georgswall 1 - 5

26603 Aurich

Tel.: 04941 1799 0

 Fax: 04941 1799 70

 E-Mail: ol@ostfriesischelandschaft.de

www.ostfriesischelandschaft.de